Was neurodivergente Perspektiven im Lokaljournalismus bedeuten (4)

Über ein Jahr habe ich für den Weddingweiser geschrieben, auf der re:publica über unsere Arbeit gesprochen und die Redaktion in der Öffentlichkeitsarbeit unterstützt. Im letzten Herbst wurde die Weddingweiser-App dann mit dem 1. Lokaljournalismuspreis der Medienanstalt Berlin Brandenburg ausgezeichnet. Zu diesem Anlass ist dieses Video entstanden, das Einblick in unsere Arbeit als ehrenamtliche Lokalredakteure gibt.

Was bewegt die Menschen in meinem Kiez? Was ist los in meiner Nachbarschaft? Das erfahren Anwohner:innen im Wedding in der Weddingweiser App – übersichtlich auf einen Blick. Die mabb hat die Redaktion bei einer Recherche vor Ort begleitet.

Warum neurodivergente Menschen oft sehen, was andere übersehen

Nicht jede wichtige Geschichte beginnt mit einer Schlagzeile.

Manche beginnen mit einer Baustelle, an der man jeden Morgen vorbeifährt. Mit einem leerstehenden Laden. Mit einem Aushang am Schwarzen Brett. Mit einer Diskussion im Kiez oder einer kleinen Veränderung, die kaum jemand bemerkt.

Für viele neurodivergente Menschen sind genau diese scheinbaren Nebensächlichkeiten der Ausgangspunkt. Nicht, weil sie unwichtig wären, sondern weil das Gehirn Muster erkennt, lange bevor daraus für andere eine sichtbare Geschichte wird.

Während viele Informationen nach ihrer offensichtlichen Relevanz sortieren, entstehen bei neurodivergenten Menschen oft Verbindungen zwischen Beobachtungen, Menschen und Themen, die zunächst nichts miteinander zu tun haben scheinen. Aus einzelnen Fragmenten wird ein Gesamtbild.

Relevanz entsteht durch Aufmerksamkeit

Lokaljournalismus arbeitet nach einem ähnlichen Prinzip.

Er beginnt nicht mit den größten Nachrichten, sondern mit der Frage: Was bewegt die Menschen, die hier leben?

Welche Veränderungen beeinflussen den Alltag? Welche Entscheidungen fallen im Hintergrund? Welche Geschichten bleiben ungehört, obwohl sie direkt vor unserer Haustür stattfinden?

Diese Form der Aufmerksamkeit macht sichtbar, was sonst leicht übersehen wird.

Zuhören, Verbinden, Zusammenhänge sehen

Wenn aus Beobachtungen Zusammenhänge werden

Im Gespräch mit der Redaktion des Weddingweisers wurde deutlich, dass guter Lokaljournalismus weit mehr ist als die Berichterstattung über ein Stadtviertel.

Er bedeutet, Entwicklungen über längere Zeit zu beobachten, Menschen zuzuhören und einzelne Ereignisse miteinander zu verbinden. Erst dadurch entsteht Orientierung.

Genau dieser Denkprozess ist vielen neurodivergenten Menschen vertraut.

Aus vielen kleinen Informationen entsteht kein Chaos, sondern ein Netzwerk. Was zunächst wie eine Sammlung unterschiedlicher Interessen wirkt, entwickelt sich zu einem Verständnis für Zusammenhänge.

Die eigentliche Stärke liegt im Verbinden

Neurodivergente Menschen werden häufig gefragt, warum sie sich gleichzeitig für so viele unterschiedliche Themen interessieren. Die spannendere Frage lautet jedoch:

Was entsteht, wenn diese Interessen miteinander in Verbindung treten?

Innovation entsteht selten aus einem einzigen Fachgebiet. Sie entsteht dort, wo unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen. Wer Muster erkennt, bevor sie offensichtlich werden, entdeckt oft Möglichkeiten, die andere noch gar nicht sehen. Wer diese dann auch noch miteinander verbindet, kann ganz neue Gebiete entdecken.

Preisträger*innen des „1. Lokaljournalismus-Preises – Stadt Land im Fluss“ 2025

Weiterführende Links:

https://www.mabb.de/uber-die-mabb/presse/pressemitteilungen-details/wanted-preisverdaechtiger-lokaljournalismus-in-berlin-und-brandenburg

https://www.lokaljournalismus-preis.de

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